Die erste Arbeitswoche hier in Januária liegt hinter uns und erlebt haben wir einiges. Nach einer kurzen – und arbeitsfreien – Eingewöhnungszeit am Wochenende waren wir aber auch gut darauf vorbereitet. So wurden am Samstag bereits vorsorglich ein paar Köpfe mit passenden, vor Sonnenstrahlen und Farbklecksen schützenden, Strohhüten ausgestattet.

Um das Personal zu schonen, das mit uns schon genug zu tun hatte, starteten wir am  Nachmittag, aus eigenen Stücken, die erste gemeinsame Waschaktion. Alles von Hand: – drei Waschtröge in der Küche, Einseifen, Einweichen, Schrubben, Bürsten, Spülen, Wringen und ab auf die Leine. Die einzigen Kommentare vom begleitenden Lehrkörper beim Anblick dieses Tuns waren „Das glaub ich nicht“, „Das hab ich noch nie erlebt“ – und dann fügte er dem Haufen seine Wäsche auch noch hinzu. Von dieser Strapaze erholten sich anschließend einige am Strand des Rio São Francisco, während sich die Freunde des Fußballs den deutschen Sieg gegen Uruguay im brasilianischen Fernsehen zu Gemüte führten. Der Tag endete mit ersten Studien über das Nachtleben der Brasilianer.

Am Sonntagvormittag besuchten wir Pater Herbert. Pater Herbert ist ein aus der Nachbarschaft von Siegen stammender Pater der Missionare von der Heiligen Familie, der schon seit 40 Jahren in Januária weilt. Er hatte uns viel zu erzählen und versorgte uns aus eigener Erfahrung mit vielen interessanten Informationen über die Mentalität der Brasilianer, der Schwierigkeit trotz der hohen Arbeitslosigkeit in Januária zuverlässige Arbeitskräfte zu finden, über die Kriminalität vor Ort und vieles mehr. Wir hatten den Eindruck, er war froh wieder mal Deutsch sprechen zu können und wir waren froh, endlich mal wieder etwas zu verstehen. Der Tag wurde gekrönt mit einer brasilianischen Messe. Das war nun wirklich eine Feier, wie wir sie so in Deutschland selten erlebt haben. Sie endete mit dem 20 minütigem Aufruf eines Aktivisten der Landpastoral, sich an Protestaktionen gegen die zunehmende Landnahme von Großkonzernen aus Japan und Europa zu beteiligen. Der Wasserstand des Rio São Francisco, der Lebensader von Januária, ist in den letzten 20 Jahren um 30 Prozent gesunken. Der über 3500 km lange Fluss erreicht durch die intensiven Bewässerungsprojekte dieser Konzerne nur noch selten sein Mündungsdelta. Die Kleinbauern, die über Generationen das Land bestellten,  werden enteignet; die Früchte gehen ins Ausland.

Leider folgt aber auch in Brasilien nach dem Sonntag der Montag, also unser erster Arbeitstag. Zunächst schaffte Cicero, unser „Ausbilder“, alle möglichen Materialien an, die wir für unsere Aufgaben brauchten. Er erklärte uns wo nötig, wie diese zu bedienen waren, vor allem aber ihre brasilianischen Namen. Escarda steht z.B. für Leiter, was rostig heißt, hat Cicero uns nicht erklärt und warum bei einer 2m hohen Leiter einige Stufen einem entschlossenen Tritt nicht Stand halten konnten, hat er uns nicht sagen können, auch nicht auf Portugiesisch.

Gleich darauf startete die große Schmiergelaktion im Innenhof des Servir-Gebäudes. Die Fassade, geschätzte 150 mal 3 Meter, mussten für den späteren Anstrich angeraut werden.  Am Dienstag überdeckten wir dann unser Werk vom Vortage akribisch mit farbschwangeren Pinseln und Farbrollen. Der Ablauf des Arbeitstages ist dabei vor allem auf das Wohl der Arbeitenden ausgerichtet, denn es gibt großzügige Pausen, in denen man sehr gut verköstigt wird, um später wieder gestärkt loszulegen. Bis zum Freitag wurde so der gesamte Innenhof mit zwei Schichten orangener Farbe überzogen, die wir vorher selbst auswählen durften.

Während die Jungs so gut beschäftigt waren, kümmerten die Mädchen sich um die Kleinkinder in der Säuglingsrettungsstation Pequeno Davi. Diese Kinder werden in der Regel in lebensbedrohlichen Zuständen eingeliefert und nach mehreren Monaten oder sogar Jahren nach intensiver Pflege an ihre Eltern zurückgegeben. Die Gründe für ihren Zustand bei der Einlieferung sind unterschiedlich. Viele Familien, die z.T. in völligem Elend leben, können ihr 5. oder 6. Kind nicht mehr ernähren, so wird es stark unterernährt von den Schwestern aufgegriffen oder vom behandelnden Arzt im Krankenhaus an den „Kleinen David im Kampf gegen den Hunger“ überwiesen.  Andere Mütter, auch sie leben in der Regel unter menschenunwürdigen Verhältnissen,  wollen das Kind, das ihnen vom 3. oder 4. Lebenspartner aufgezwungen wurde, einfach nicht mehr und ernähren es bewusst falsch, um sich durch einen natürlich erscheinenden Tod des Problems zu entledigen. Alle diese Kinder bedürfen daher ganz besonders intensiver Pflege. Diese können die Schwestern und ihre freiwilligen Helfer vielleicht noch leisten. Was sie nicht können, ist den Bedarf an körperlichem Kontakt zu stillen, immerhin sind im Moment über 30 Kinder in der Einrichtung untergebracht.  Unsere Aufgaben sind daher breit gefächert, von Wickeln bis Füttern ist alles dabei, vor allem aber Streicheln, Blickkontakt, Lächeln, in den Arm nehmen, beruhigen. Verständigung ohne Worte nennt das  Schwester Maria Luiza, die Leiterin und Initiatorin des Pequeno Davi. Trotz des teilweise sehr nervtötenden Geschreis hatten die Mädchen viel Spaß, denn die Kinder freuten sich über deren Gegenwart und belohnten die geleistete Arbeit mit freundlichen Gesten und viel herzlichem Gelächter.

Bekanntlich ist Arbeit aber nur das halbe Leben und getreu nach diesem Motto setzen wir uns nach Feierabend immer wieder auf unsere Weise mit der fremden, brasilianischen Kultur auseinander. Vor allem Tanzvorstellungen und der Besuch kleiner Lokalitäten locken uns immer wieder. Dort kamen wir auch auf den Geschmack des Nationalgetränks Caipirinha. Kaum zu verstehen, dass wir bis jetzt ohne dieses leben konnten. Beim nachmittäglichen Fußballspielen mit den Kinder und Jugendlichen aus dem Servir sahen wir bis jetzt zugegebenermaßen nicht besonders gut aus.

Die erste Woche war ereignisreich. Neben all der Arbeit konnten wir viele Kontakte zu den Einheimischen knüpfen und uns mit vielen anfreunden. Das Wetter spielte voll und ganz mit, sodass wir sicherlich weiterhin eine schöne Zeit haben werden, die unbezahlbare Erfahrungen mit sich bringt.